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Ich kann nicht mehr – Angehörige am Rande ihrer Kräfte

Eutiner Hospizgespräche 16. Februar 2023 in der Kreisbibliothek Eutin
Prof. Dr. med. Roland Repp, Vorsitzender Hospiz- und Palliativverband SH, Chefarzt 2. Med. Klinik Städtisches Krankenhaus Kiel
Ich kann nicht mehr – Angehörige am Rande ihrer Kräfte

Prof. Roland Repp zeigt in seinem Vortrag anhand aussagekräftiger Statistiken auf, wo und wie Sterbende am Ende ihres Lebens betreut werden und welche Gesamtsituation sich hieraus ergibt.

Er stellt voran, dass die Deutschen insgesamt zwar zu 76 % zuhause sterben möchten, dass dieser Wunsch aber seit 2001 in immer geringerem Umfang erfüllt werden konnte und 2017 nur noch ca. 20 % zuhause starben. Im Krankenhaus starben 2017 52 % (2001: 56 %), in einer Palliativstation 6 % (2001 noch keine) und im Pflegeheim 20 % (2001:13 %).

Vor dieser letzten Lebensphase werden allerdings vier von 5 Pflegebedürftigen zuhause versorgt, davon durchschnittlich etwa 65 % allein durch Angehörige. Absolut gesehen leben in Deutschland ca. 2,6 Mio. Pflegebedürftige, deren Zahl bis 2050 auf 6,5 Mio. ansteigen wird.

Zum überwiegenden Teil sind die Pflegenden Frauen und oft auch erwerbstätig. Häufig betreuen sie auch ihre Kinder.

Die Pflegenden leiden zwar seelisch und körperlich unter den großen Belastungen, andererseits erweisen sie sich aber auch als widerstandsfähig und sind oft von dem Wunsch geleitet, etwas zurückzugeben und die Beziehung zu vertiefen. Die Pflege wird als wertvoll und sinnstiftend empfunden. Daneben haben sie auch das Gefühl, jederzeit gebraucht werden zu können und immer da sein zu müssen, so dass ihnen für Selbstsorge wenig Raum bleibt.

Gleichzeitig ist die Skepsis gegenüber einem Sterben im Krankenhaus – trotz der oben dargestellten Realität- groß. Viele Begleitende wachsen dann auch mit ihrer Aufgabe. So können sich zwar nur 35% der Bevölkerung vorstellen, jemanden bis zu seinem Tod zu pflegen, von den tatsächlich Pflegenden aber 64 %.

Die eigene Befindlichkeit wird hierbei von den Pflegenden oftmals nicht so wichtig genommen. Sie fühlen sich quasi verpflichtet, rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen. Sie empfinden sich nicht als Empfänger von Hilfe, was sie davon abhält, die zur Verfügung stehenden Unterstützungsmöglichkeiten zu nutzen. Außerdem meinen sie, dass die professionellen Helferinnen und Helfer vorrangig für die Betreuung des Sterbenden zuständig sind und sich nicht noch um sie kümmern können.

Als Folge werden meist die Entlastungs-Angebote durch ehrenamtliche Hospizmitarbeitende oder Andere gar nicht angenommen. Zitat: „Ja, dann geht man eine Stunde spazieren, aber eigentlich will man zuhause sein."

Zur untragbaren Belastung wird die häusliche Betreuung allerdings, wenn in Überlastungssituationen Angehörige den Zugang zu den Hilfen, die oft zur Verfügung stehen, nicht finden, vielleicht auch weil es an einer (zugehenden) Beratung fehlt. Stark belastend ist es außerdem, wenn Beziehungsprobleme zu den Sterbenden aufbrechen.

Hilfreich, um die Situation der Betreuenden konkret zu erfassen, ist der KOMMA-Bogen. Er hilft in standardisierter Form recht genau festzustellen, ob und in welcher Form praktische Unterstützung gebraucht wird. Das Ergebnis ist oft auch für die Ausfüllenden überraschend.

Brauchen Sie mehr Unterstützung...           nein               etwas mehr                deutlich mehr               sehr viel mehr

...um über die Erkrankung Ihrer/Ihres
Angehörigen Bescheid zu wissen?

...um auch Zeit für sich selbst zu haben?

...um auf die Symptome Ihrer/Ihres
Angehörige angemessen zu reagieren
(einschl. Gabe von Medikamenten)?

Auch mit diesem relativ einfachen Instrument kann vermutlich die Erkenntnis, dass Hilfe benötigt wird, gefördert werden, so dass die zur Verfügung stehenden Hilfen auch tatsächlich bekannter und mehr in Anspruch genommen werden.

Im weiteren Verlauf spricht sich Prof. Repp eindeutig für die Einrichtung von Tageshospizen aus,
von denen es bisher zwar nur wenige gäbe, die aber in großem Maße zur Entlastung von pflegenden Angehörigen beitragen sollen.

Detlev Seibler

 

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