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Eutiner Hospizgespräche 15.September 2022

Eutiner Hospizgespräche:
15.September 2022 in der Kreisbibliothek Eutin
Claudia Wollenberg, Diplompsychologin/Palliativpsychologin:
Kriegskinder – Wenn der Krieg Spuren hinterlässt

Die Erinnerung, sagt Jean Paul, ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Öfter aber ist die Erinnerung die einzige Hölle, in die wir schuldlos verdammt werden. Arthur Schnitzler.

Claudia Wollenberg ist Diplompsychologin, Palliativpsychologin und systemische Beraterin, examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Hypnotherapeutin nach Milton H. Erickson. Sie arbeitet scherpunktmäßig in der geriatrischen Hospiz- und Palliativarbeit sowie in der Psychoonkologie und Neuropsychologie.

Als Kriegsenkelin hat sie schon früh begonnen, den psychischen Folgen des 2. Weltkriegs sowie der deutsch-deutschen Teilung ihre Aufmerksamkeit zu widmen, sich damit auseinanderzusetzen und dies zu ihrem Schwerpunkt in der täglichen Arbeit gemacht. Sie fragt und sucht nach den Auswirkungen dieser Erfahrungen und Erlebnisse auf die Kriegskinder, Kriegsenkel und die nachfolgenden Generationen. Das Erleben von Verlust, Trauer, Bedrohung, Flucht und Vertreibung, Bombenhagel, Hunger und Kälte hat tiefe Narben in diesen Generationen hinterlassen. Noch heute ist jede Familie in Deutschland irgendwie von den Kriegsfolgen betroffen.

Bei all der Schwere und Last ist ihr Blick aber immer auch auf die vorhandenen Kräfte und Überlebensstrategien in schwierigen Zeiten gerichtet.

Es gibt ein Damals und es gibt ein Heute, doch was passiert, wenn der Krieg von einst bis ins Hier und Jetzt in den Seelen Einzelner andauert oder plötzlich wieder ausbricht?

Zu den Kriegskindern werden die Jahrgänge 1925 – 1945 gezählt. Wie wir aus entwicklungspsychologischen Studien wissen, sind die ersten Jahre prägend für das weitere Leben. Am meisten betroffen sind die Jahrgänge 1940 bis 1945, weil bei diesen damals so kleinen Kindern innere Spannungen und Nöte oft gar nicht wahrgenommen werden konnten wurden.

Statt Stabilität und Geborgenheit erlebten die Kriegskinder Bedrohungen und Verlust. Auch Trauer ist oft unbewusst ein Thema. Trauer musste oft ungelebt und unverarbeitet bleiben. Oft werden erst im Alter und in Todesnähe Erlebnisse, z.B. aus dem Soldatenleben, erzählt, die zuvor verschwiegen wurden.

Erwähnt werden auch oft die Kinderlandverschickungen (KLV) in weniger gefährdete Gebiete. Seelisch haben auch diese oft durch Verlassen sein, Einsamkeit und Härte traumatische Eindrücke hinterlassen.

Statt Beständigkeit und Zugehörigkeit erlebten Kriegskinder ständig neue bedrohliche Situationen. Aus dem ständigen Mangel resultieren u.a. die Vorratshaltungen bis hin zum Aufsparen der kleinen Honig- und Butterpäckchen im Heim.

Der einzige Weg, irgendwie Kontrolle zu erlangen, blieb die Macht über das eigene Leben. Die Strategie, früh selbständig und unabhängig sein zu müssen, führt letztlich auch dazu, dass im Alter oft Unterstützungen und Hilfsmittel abgelehnt, sogar strikt zurückgewiesen werden.

Im Krankenhaus und später ggf. im Pflegeheim fühlen sich die früheren Kriegskinder hilflos und ausgeliefert und wollen Kontrolle, zum Beispiel durch ständiges Klingeln bis hin zum Terrorisieren der Pflegekräfte ausüben.

Später bringt das Alter allgemein die Kindheit wieder näher an uns alle heran. Für die Kriegskinder bedeutet das, dass auch die Traumata wieder näher kommen. Vergessen geglaubte Ereignisse drängen sich wieder in den Vordergrund - ein Grund, weshalb die Kriegskinderproblematik erst so spät in die Öffentlichkeit trat.
In unserer Gesellschaft, die nach Jugendlichkeit strebt, ist das Alter sehr oft mit negativen Attributen (gebrechlich, unproduktiv) verbunden. Hier arbeitet Claudia Wollenberg mit Konzepten, die darauf ausgerichtet sind, die Patienten in dem Gefühl ihrer Würde zu bestärken, auch die Trauer bekommt ihren Raum.
Oft sind es in ihrem Alltag gerade die kleinen Dinge wie Tee, Kaffee und eine angenehme Atmosphäre, auf die es ankommt.

Wichtiger Bestandteil der Arbeit sind Biografien und Lebensgeschichten, weil sie Gesprächsansätze bieten.
Durch das Gespräch öffnen sich Räume zum Zuhören, auch das „Un-erhörte" bekommt seinen angemessenen Platz.

Andererseits war es für Angehörige der „Tätergeneration" nicht möglich, Opfer zu sein, es war oft sogar ein Tabu, so dass kein Reden über die erlebten Schrecken stattfand. Auch die Kriegsenkel und ihre Kinder tragen den 2. Weltkrieg unbewusst in ihren Seelen. Der kollektive Austausch über Generationen hinweg kann hier hilfreich sein, aber nur, wenn er nicht erzwungen wird.

Im Krankenhausalltag, der geprägt ist von neuen Situationen, geben Rituale oft Halt und Kraft. Hier kann wie auch im Krieg der Glaube helfen.

Mit Ausführungen zum Thema „Trost" beendet Claudia Wollenberg ihren Vortrag. In Notlagen brauchen wir andere Menschen, die uns trösten. Es bedarf oft nur wenig, um Trost zu spenden, z.B. das Halten der Hand. Was hat damals gefehlt und kann heute helfen?

In der psychotherapeutischen Arbeit ist der Blick der Kriegskinder auf die Dinge, die das Leben lebenswert machten, oft verdeckt durch Krankheit, Schwäche, Verlust und Einsamkeit. Wie lässt sich dieser Blick wieder befreien und weiten? Wie können vorhandene Kräfte und Überlebensstrategien wieder spürbar werden?

Claudia Wollenberger begibt sich mit den Patient:innen auf eine Entdeckungs- und Zeitreise zurück an bedeutsame Stationen des Lebens. Sie reisen gemeinsam zurück und sammeln in einem imaginären Erinnerungskoffer Schätze und Andenken, Nippes und Kitsch und entdecken die Kraft dieser Schatzsuche. Am Ende steht ein persönlicher Erinnerungskoffer, reich angefüllt mit Erinnerungsschätzen. Für einige Kofferbesitzer ist es dann auch der Koffer für die letzte Reise. Was ist für die letzte Reise wichtig und sollte vielleicht sogar vererbt werden?

Viele erleben diese Suche als sehr bereichernd. Sie führt letztlich oft zu einem anderen Verständnis für das eigene Selbst, für das Tun und Handeln. Was bleibt neben all der Lebenslast, die eine ganze Generation tragen musste, oft mit den ihnen nachfolgenden Generationen? Claudia Wollenberg erlebt Lebenslust, den Drang nach Geselligkeit, nach Verbindung, Hilfsbereitschaft und den schönen Dingen des Lebens, wenn es manchmal auch nur ein Sehnen und Träumen ist. Würdigung der Lebensleistung, wieder Halt zu finden und zu schaffen, was unmöglich schien.

„Fragen Sie doch einmal beim nächsten Gespräch mit einem Kriegskind nach dem jeweiligen Lebensmotto oder der Lebensphilosophie der Familie, Sie werden erstaunt sein! – Das Lebensmotto meiner Familie lautet: Immer, wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her!"

Detlev Seibler

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